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Höhere Preise für Tierwohl zu bezahlen ist nach wie vor nur eine Minderheit bereit. Foto: imago

Tonio Keller. Foto: archiv

Mehr Tierwohl kostet. Bauern wissen das ohnehin, aber auch in der Öffentlichkeit hat es sich allmählich herumgesprochen. Würden die Kunden an der Fleischtheke diese Bemühungen durch höhere Preise honorieren, würde sich der Markt darauf einstellen, und es wäre allen gedient: den Bauern durch einen auskömmlichen Lebensunterhalt, den Tieren durch angenehmere Lebensbedingungen und den Kunden durch ein besseres Lebensgefühl. Der Appell des Berufsstandes ist verständlich: Zahlt uns angemessene Preise für unsere Produkte, dann machen wir das auch! Nur: Es geschieht nicht, jedenfalls nicht in ausreichendem Maß. Das Problem: Der Appell richtet sich an die falsche Adresse.

Forderungen nach mehr Tierwohl sind lautstark präsent, doch die, die sie erheben, sind in der Gesamtbevölkerung in der Minderheit. Man kann durchaus davon ausgehen, dass sie sich selbst mehrheitlich an ihre eigenen Postulate halten. Viele von ihnen sind Vegetarier oder Veganer, und wenn nicht, kaufen sie meist im Bioladen ein. Die große Mehrzahl von ihnen steht finanziell nicht schlecht da und kann sich das leisten. Man sollte diese Leute nicht der Doppelmoral bezichtigen. Zwar hat der Dichter Heinrich Heine gespottet (allerdings über andere Zeitgenossen): "Ich weiß, sie trinken heimlich Wein und predigen öffentlich Wasser" – was in diesem Falle hieße, öffentlich Tierwohl predigen und privat Billigfleisch kaufen. Und sicher wird es solche Fälle geben, doch es wäre ebenfalls zu "billig", die politischen Kontrahenten kurzerhand als unglaubwürdig, wenn nicht gar bösartig zu diskreditieren – und zu glauben, damit hätte sich die Sache erledigt.

Nach verschiedenen Erhebungen gibt es derzeit in Deutschland zwischen sechs und acht Millionen Vegetarier, das sind 7 bis 10 % der Bevölkerung, wenn man großzügig rechnet. Ein bis zwei Millionen davon sind Veganer, was unter 2 % ausmacht. Gestehen wir ihnen ruhig zu, dass sie sich an ihre eigenen Maßstäbe halten. Entscheidend ist vielmehr der Umkehrschluss, dass mehr als 90 % der Bevölkerung Fleisch essen. Welches Fleisch? Laut "topAgrar" kaufen immerhin 78 % Biolebensmittel, allerdings 50 % nur gelegentlich. Zusammen mit den 22 %, die dies gar nicht tun, macht das auch schon wieder fast drei Viertel aus. Über genaue Zahlen wollen wir hier nicht streiten, denn wie man es dreht und wendet: Die Mehrheit kümmert sich weiterhin nicht oder wenig um die Haltungsbedingungen der Tiere, deren Produkte sie im Laden kaufen, und zu dieser Mehrheit gehören eher nicht die, die auf mehr Tierwohl drängen.

So gehen derzeit beide Appelle am Ziel vorbei: die der Tierschützer an die Bauern, sie sollten auch ohne entsprechendes Entgelt mehr Tierwohl bieten, und die der Bauern an die Tierschützer, dafür dann auch höhere Preise zu zahlen. Die richtige Adresse wären die bisher gleichgültigen Verbraucher, die die große Marktmehrheit innehaben. Der Vorschlag der Borchert-Kommission einer Verbrauchssteuer auf tierische Produkte zur Finanzierung der Umbaukosten für mehr Tierwohl könnte hier etwas bewegen.

Das können sich die armen Leute nicht leisten? Oh, den Wurst- und Imbissbuden, die im Vergleich mit der heimischen Küche nicht gerade billig sind, mangelt es nicht an Kundschaft!

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