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Durch sogenannte Share-Deals werden alle Gesetze ausgehebelt, die der öffentlichen Hand zum Schutz der Agrarstruktur Mitsprache geben könnten. Fotomontage: archiv, pixabay; Bearbeitung: Dierk Paasch

Lange war es ruhig. Jetzt hat wieder ein außerlandwirtschaftlicher Investor sein Grundbuch gefüllt und in Thüringen 6.000 ha der Agrargesellschaft Adib in Bad Langensalza auf einen Schlag gekauft. Landkäufe schwerreicher Industrieller sind und waren nichts Ungewöhnliches bis in die jüngste Zeit. So war die Inhaberfamilie des Möbelkonzerns Steinhoff mit 20.000 ha lange größter Landbesitzer in der Uckermark, die JLW Holding des niedersächsischen Immobilienmillionärs Jürgen Lindhorst bewirtschaftet 25.000 ha. Oder die Firma Odega aus dem Oderbruch, die von drei ehemaligen Mitgliedern einer Agrargenossenschaft betrieben wurde, die zahlreiche Betriebe im Umland kaufte, bis 15.000 ha zusammenwaren. Die Erben der Industriellenfamilie Quandt, Dornier, der Müllunternehmer Rethmann, der Heizungsmilliardär Martin Viessmann oder der Brillenfabrikant Fielmann zählen ebenfalls zu den Großinvestoren in der Landwirtschaft.

Gerade auch in Schleswig-Holstein sind viele große Betriebe schon vor Generationen durch Geld finanziert worden, das nicht in der Landwirtschaft verdient wurde. Gleichzeitig bieten heutzutage Fondsgesellschaften Kapitalanlegern die Möglichkeit, auf den Wertzuwachs von Agrarland zu spekulieren. Über alle möglichen Kanäle fließt hierzulande seit Jahren immer mehr Kapital in den Kauf vornehmlich ostdeutscher Agrarbetriebe, und deren Besitz konzentriert sich in immer weniger Händen. Das ist ein Ergebnis einer Studie, die das bundeseigene Thünen-Institut für Agrarforschung durchgeführt hat.

Dass Investitionsmöglichkeiten gesucht werden, ist verständlich und an sich noch kein Skandal. Auch der Schriftsteller Mark Twain hat dazu aufgerufen, Land zu kaufen, "denn es wird nicht mehr hergestellt", wie er sagte. Jetzt hat der ehemalige Präsident und Ehrenvorsitzende des Bauernverbandes Thüringen, Dr.Klaus Kliem, seine letzte große Ernte eingefahren. Er hat die Flächen der Agrargesellschaft Adib in Bad Langensalza für 40 Mio. € an die Lukas-Stiftung des Aldi-Nord-Eigentümers Theo Albrecht junior verkauft. Kliem war einer von 60 Gesellschaftern der Adib, wo er einen Anteil von 52 % hielt. Dabei wird das Ganze noch etwas pikanter: Der Verkauf lief über ein Unternehmen der Boscor-Gruppe und war begünstigt durch Regelungslücken, die das Grundstücksverkehrsgesetz aushebeln. Dem Handelsregister zufolge gehört die Boscor-Gruppe der Lukas-Stiftung. Die Stiftung wiederum ist mit der Markus- und Jakobus-Stiftung eine der drei Eigentümerinnen des Lebensmitteldiscounters Aldi Nord.

Die Aldi-Stiftung hat den Boden somit nicht direkt gekauft, sondern dies tat die Boscor-Gruppe als Tochtergesellschaft, die bereits Boden besitzt. Durch diese sogenannten Share Deals werden alle Gesetze ausgehebelt, die der öffentlichen Hand zum Schutz der Agrarstruktur Mitsprache geben könnten. Seit der Föderalismusreform 2006 gibt der Bund nur noch den Rahmen vor, und die Länder müssen ihre eigenen Gesetze machen. Aldi, das Unternehmen, bei dem die Kassiererinnen das Wechselgeld schneller in der Hand haben als die Kunden ihr Portemonnaie ausgepackt, war auch jetzt schneller. Denn der Freistaat Thüringen arbeitet noch an neuen Vorgaben, um das Vordringen von Finanzinvestoren zu beschränken.

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