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Am 3. Juli hat der Bundesrat über die Novellierung der Tierschutz-Nutztierhaltungs-Verordnung abgestimmt. Die Sorge ist real, dass viele Betriebe damit vor endgültigen Entscheidungen stehen. Foto: imago

Mechthilde Becker-Weigel. Foto: Archiv

Das jüngste Elend, das durch die Corona-Ausbrüche in Westfalen entstanden ist, hält an. Der größte Schlachtbetrieb Deutschlands darf seinen Betrieb vorerst nicht wieder aufnehmen. Die Sperre wurde verlängert – und damit die Zeit für Anschuldigungen und Forderungen. Eine der Forderungen, die selbst von Vertretern etablierter Partien geäußert wurde, ist, wieder regionale Schlachtbetriebe einzusetzen. Weil früher alles viel besser war. Das ist ein Ruf nach Idylle, die nicht wiederherzustellen ist.

Zugegeben, vieles war besser, zum Beispiel die Arbeitsverträge der Schlachthofmitarbeiter und die kürzeren Transportwege für die Tiere. Das Hohelied der Kosten- und Produktionsführerschaft hat die Strukturen der gesamten Branche in Europa in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend verändert. Nicht nur die Tierhaltungen, auch die Schlacht- und Zerlegebetriebe haben sich spezialisiert und rasant weiterentwickelt, genauso wie der Lebensmittelhandel. Aus welcher Ecke die stärksten Impulse kamen, darüber ließe sich lange diskutieren. Das Ergebnis: Die gesamte Kette ist gewachsen und damit die Abhängigkeiten. Das gipfelt darin, dass der Lebensmittelhandel den Landwirten die Fütterung der Tiere vorschreibt, Fleischbeschaffenheit und -qualität sowie Haltung.

Ein weiterer Ruf nach Idylle ging bis in die Schweineställe mit der jetzt beschlossen Änderung der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung und der Abrechnung mit dem Kastenstand in der Sauenhaltung. Die demnächst vorgeschriebene Gruppenhaltung unmittelbar nach dem Absetzen und nach der Besamung der Sauen kann besonders in kleineren Betrieben ohne stabile Herden zu Rangkämpfen nach dem Absetzen und zu Verletzungen bis hin zu Totalverlusten führen. Die notwendigen Umbaumaßnahmen werden die Tierhalter vor große Herausforderungen stellen. Man wird darauf warten können, dass die Ferkelverluste durch Erdrücken deutlich ansteigen. Das konterkariert regelrecht die so wohlgemeinten Tierschutzbemühungen der Bundesregierung.

Die Rechnung für den Umbau soll quasi an das Landwirtschaftsministerium gehen, das ein Budget von 300 Mio. € zur Verfügung stellt. Für diejenigen, die weitermachen wollen mit der Sauenhaltung, heißt das trotzdem weiterkämpfen, zunächst mit dem Bau- und Umweltrecht und mit den Hausbanken. Aber für viele Sauenhalter wird es viele Gründe geben, aufzuhören. Zum Beispiel weil die Investitionskosten die Möglichkeiten des Betriebes übersteigen oder weil kein Nachfolger bereitsteht und das Zeitfenster nicht in die vorgegebenen Umstellungszeiträume passt. Viele Sauenhaltungen werden sang- und klanglos aufhören müssen, ohne Ausstiegsklausel, wie in den Niederlanden. "Danke für nichts", werden viele Bauern demnächst sagen müssen.

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