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Ist beim LEH bei seiner Liebe zu Lebensmitteln die Liebe zur Landwirtschaft auf der Strecke geblieben? Foto: Imago

Mechthilde Becker-Weigel Foto: Archiv

Hunderte Bauern haben während der vergangenen Tage die Zündschlüssel umgedreht und ihre Traktoren gestartet, um landauf, landab die Lager der großen Lebensmitteleinzelhändler zu blockieren. Die Aktionen haben Wirkung gezeigt. Zuerst wurden die Medien erreicht. Die Radiostationen meldeten abends spät und morgens früh Verkehrsbehinderungen. Die Blockadeaktionen haben es auf die Titelseiten der Zeitungen und in die Fernsehnachrichten zur besten Sendezeit geschafft.

Ein Ziel wurde erreicht: Die Vertreter des Lebensmitteleinzelhandels (LEH) haben den Druck offenbar gespürt und zeigen Gesprächsbereitschaft. Die ist nötig, denn die großen vier Konzerne – Edeka, Rewe, Aldi und die Schwarz-Gruppe mit den Lidl- und Kaufland-Märkten – teilen sich nach Kartellamtsangaben 85 bis 90 % des Marktes in Deutschland.

Lidl hat als erster reagiert und sogar gleich das Portemonnaie gezückt- mit einer Geldzuwendung für die Initiative Tierwohl (ITW). "Schnelle Hilfe, wo die Not am größten ist: Schwarz Gruppe stellt 50 Mio. € für Landwirte bereit", hieß es in einer Pressemitteilung des Konzerns im Anschluss an den Dringlichkeitsgipfel vorige Woche, an dem Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU), Lidl-Unternehmenschef Klaus Gehrig und die Spitzen der Handelsunternehmen Aldi, Rewe und Edeka teilgenommen haben.

Die Aktion von Lidl hat den Geschmack von Kreide. Es muss allen Beteiligten klar sein, dass es nicht um außertarifliche Zuwendungen geht. Die Bauern fordern nicht weniger als einen Systemwechsel: weg von der Niedrigpreispolitik und weg von unlauteren Handelspraktiken, hin zu Preisstabilität, verlässlichen Liefer- und Vertragsbedingungen und der Anerkennung ihrer hohen Produktionsstandards.

Pressemitteilungen der Unternehmen werden gerade im Staccato veröffentlicht und beteuern unisono, wie sehr man sich fairen Handelspraktiken verpflichtet fühle, Gespräche mit den Landwirtschaftsvertretern befürworte, angemessene Bezahlung für höhere Qualitätsstandards anstrebe und die hohen Belastungen des Berufsstandes durch die Covid-Pandemie anerkenne.

Wahrscheinlich kann man nicht davon ausgehen, dass die Manager der Großen Vier jetzt auf einmal zu Bauernverstehern werden und ihre Unternehmensziele der Gewinnmaximierung aufgeben. Und wahrscheinlich kann man auch nicht davon ausgehen, dass die einfachsten Gesetze der Marktwirtschaft von Angebot und Nachfrage ausgehebelt werden. Auch die Verbraucher werden ihrerseits nicht aufhören, weiter nach Gewinnmaximierung zu streben, die im Sparen liegt.

Ein fairer Umgang unter Geschäftspartnern und ein bisschen mehr Verständnis für die Belange der Bauern wären tatsächlich ein Anfang. Doch Deutschland liegt mitten im vereinten Europa, ist keine Insel und profitiert von freien Märkten. Bevor man zu sehr ins Träumen gerät, sollte man das nicht vergessen.

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