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Der Lebensmittelhandel mischt fleißig mit im Transformationsprozess der Tierhaltung. Foto: Imago

Mechthilde Becker-Weigel Foto: Archiv

Das war ein überraschender Vorstoß von Aldi: Der Discounter Nummer Eins hat am 25. Juni angekündigt, ab 2030 nur noch Fleisch aus den Haltungsstufen 3 und 4 anzubieten und die heute üblichen Haltungsformen komplett auszulisten. Der Reihe nach zogen die Wettbewerber oder Branchenpartner nach. Fleisch, das nach dem heutigen gesetzlichen Standard produziert wird und der Haltungsstufe 1 entspricht, sowie Fleisch, das aus Tierhaltung der Haltungsstufe 2 nach Maßgabe der Initiative Tierwohlstammt, soll also in neun Jahren bei Aldi und Co. nicht mehr im Kühlregel zu finden sein. Frischfleisch von Tieren aus offenen Ställen soll dann der Mindeststandard sein.

Das ist ein regelrechtes déjà vu und Aldi hat es schon einmal vorgemacht, 2004 mit der Auslistung von Käfigeiern. Alle Großen im Lebensmittelhandel zogen nach. Der Gesetzgeber zog 2010 nach mit dem Verbot der konventionellen Käfighaltung. Anschließend florierten die Importe von Käfigeiern und damit wurde gleichzeitig das Tierschutzdumping importiert. Auf die Dauer wurde allerdings ein Transformationsprozess ausgelöst durch den wettbewerbsintensiven Markt, weil alle Wettbewerber mitgezogen haben. Klingt gut, bezahlt haben aber die Geflügelhalter. Das Gleiche droht jetzt beim Fleisch, wenn verarbeitete Ware nicht einbezogen wird. Denn der Fleischmarkt besteht nur zu einem Drittel aus Frischfleisch. Dann droht einerseits ein Überangebot und auf der anderen Seite wird für Verarbeitungsware die Tierschutzdumping-Importschleuse geöffnet.

Der Erfolg der Initiative wird an der Ladenkasse entschieden durch die Verbraucherinnen und Verbraucher, die sich in der Mehrheit bislang durch Lippenbekenntnisse, Geiz oder zumindest Sparsamkeit zu erkennen geben. Aldi und Co. sind nicht die einzigen, die über eine Transformation der Tierhaltung nachdenken. Die Borchert-Kommission hat einen konkreten Plan vorgelegt. Der ist aber mit dem Makel belegt, dass der Bundestag zwar einstimmig zugestimmt hat, eine Umsetzung der Empfehlungen aber noch in der Zukunft liegt, von der man nicht weiß, wie weit entfernt sie noch ist. Auch weil es an jeglichen Zusagen von Finanzierung bis Baurecht fehlt.

Engagement für den Transformationsprozess in der Tierhaltung ist grundsätzlich positiv. Können der Markt und der Handel es in diesem Fall einfach richten? Eine rein marktliche Lösung, wie durch Aldi angestoßen, würde den Druck auf die Landwirtschaft erhöhen. Selbst ungeachtet der Hoffnung, dass eine Finanzierung über höhere Handelsmargen gelingt, würden die Landwirte beim Baurecht weiter im Regen stehen. Die Handlungsspielräume des oligopolen Lebensmittelhandels gegenüber der Landwirtschaft sind so groß, dass sie mittlerweile eine erhebliche Verantwortung für den Transformationsprozess in der Tierhaltung tragen.

Deshalb sollten die Beteiligten offen kommunizieren. Dabei könnte der Handel etwas mehr Butter bei die Fische geben und am besten gleich damit anfangen. In der Folge der großen Bauerndemos kam es zu einigen Dialogrunden zwischen Vertretern aus Landwirtschaft und Handel, die von beiden Seiten als erfolgreich bescheinigt wurden. In der Zukunftskommission Landwirtschaft saß man ebenfalls an einem Tisch und hat einstimmig einen gemeinsamen Abschlussbericht und Zukunftsperspektiven verfasst. Jetzt wundert man sich, dass Bauernverband, Raiffeisenverband und der Bundesverband Rind und Schwein in Stellungnahmen auf die Ankündigungen des Lebensmittelhandels und die offenen Fragen aufmerksam machen müssen. Haben sie vorher nicht miteinander gesprochen? Muss man sich am Ende auch fragen, welche Rolle NGOs im Hintergrund gespielt haben könnten?

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