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Das Erntebild erinnert an Vorwendezeiten. Damals waren in der Erntekampagne auf den riesigen Feldern Mähdrescherkomplexe im Einsatz. Foto: Imago

Mechthilde Becker-Weigel Foto: bb

Auf der A 20 Richtung Osten nimmt man die einstige Staatengrenze nur wahr durch die riesigen Ackerflächen, die sich östlich der ehemaligen Grenzlinie ausdehnen. Der Westen wirkt im Rückspiegel kleinteilig. Drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall und der Wiedervereinigung zeigt sich, dass bis auf dieses nur wenig von den einstigen Strukturen der DDR erhalten blieb.

Als beständiger erwies sich die ostdeutsche Agrarstruktur, auch wenn die politische Wende im Jahr 1989 und die Wiedervereinigung im Jahr darauf eine grundlegende Umgestaltung der Landwirtschaft auslösten. Im selbsternannten Arbeiter- und Bauernstaat hatte die Landwirtschaft eine große wirtschaftliche Bedeutung. Laut statistischem Jahrbuch der DDR von 1990 arbeiteten 1989 zirka 11 % der Berufstätigen in der Landwirtschaft. Das Statistische Jahrbuch der Bundesrepublik Deutschland von 1990 wies für 1988 zirka 4 % der Berufstätigen in diesem Bereich aus.

In der Endphase der DDR litt die Landwirtschaft unter den gleichen Problemen wie die übrigen Bereiche der realen sozialistischen Planwirtschaft: einer niedrigen Produktivität, fehlenden Investitionen und großen Umweltbelastungen. Das sollte sich nach der Wende ändern. Die ostdeutsche Landwirtschaft wandelte sich zu einem Erfolgsmodell. Sie ist gekennzeichnet durch große Betriebe, eine hohe Produktivität und entsprechende Gewinnaussichten. Heute kann der Agrarbereich im Osten Deutschlands mit besseren Betriebsergebnissen aufwarten als der Westen. Das war zu Beginn der 1990er Jahre noch lange nicht absehbar. Doch brachten Risikobereitschaft und Weitsicht auch jenseits der ehemaligen Mauer Gewinner aus der Landwirtschaft hervor. So hatten nicht wenige Landwirte aus dem Westen die Chance, mit einem gewissen Startkapital neu anzufangen, was am angestammten Ort nicht möglich gewesen wäre.

Eine Formel für den Erfolg der Landwirtschaft in Ostdeutschland waren und sind die Betriebsgrößen. Die großen Einheiten, die einst durch Zwang und Kollektivierung gebildet wurden, blieben durch freiwillige Entscheidungen der Genossenschaftsmitglieder nach der Wiedervereinigung erhalten. Die so entstandenen Betriebe, meist Agrargenossenschaften, konnten in der EU und unter den Bedingungen der europäischen Agrarordnung ihre Stärken entfalten.

Allerdings wurde für den Erhalt dieser Strukturen auf jedem Betrieb ein hoher Preis bezahlt. Neun von zehn in der Landwirtschaft Beschäftigten haben auf dem Weg in die Marktwirtschaft ihre Arbeit verloren. Und der ländliche Raum hat gleich mitbezahlt: Heute sieht man dort viele strukturschwache Regionen.

In der Vermögensbilanz der DDR spielte Grund und Boden keine Rolle. In die neue Marktwirtschaft überführt sah das auf einmal ganz anders aus. Das Land, das zu DDR-Zeiten nicht handelbar war und quasi keinen Wert hatte, wird seit der Wiedervereinigung immer teurer. Es ist ein Wettbewerb von Investoren entbrannt, die nicht aus der Landwirtschaft stammen. Die Preise werden immer noch angeheizt und, wenn nichts passiert, wieder zu Strukturen führen, an denen echte Landwirte immer weniger Anteil haben.

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