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Henning Saathoff hat Bodenproben mitgebracht und testet mit den Schülern deren Wasserspeicherfähigkeit.

Ariane Hildebrandt (li.) hat ihre Klasse auf den Hof Grell in Duvensee geführt, wo Günter Koch (r.) von der RSH die Kuhbewertung demonstriert.

Silageprobe mit Gesche Kern (3. v. li.) auf dem Hof Stöven in Tensbüttel.

Lehrer Henning Saathoff hat Bodenproben von seinem Hof zu Hause mitgebracht – vier Töpfe, je einer mit Moor, Sand, Ton und Lehm. Eine jeweils gleiche Menge Wasser gießt er darauf. Seine Schüler beobachten, wie viel davon durchrinnt und in dem Auffangbecher darunter landet. Ganz klar: Hier geht es um die Wasserspeicherfähigkeit von Bodenarten. Aber nicht trocken an der Tafel, sondern „nass“ im wörtlichen Sinne.

Henning Saathoff, der sein Vorbereitungsjahr als Lehrer für Landtechnik und Pflanzenbau am Berufsbildungszentrum Bad Segeberg ableistet, kommt aus der Praxis. Sein Vater führt einen Ackerbaubetrieb mit 100 ha in Gießelrade, Gemeinde Ahrensbök im Kreis Ostholstein. Der ehemalige Kuhstall wurde vor zehn Jahren zur Heuherberge umgebaut – das Arbeitsfeld der Mutter. Henning Saathoff hat nach einem Jahr Praktikum Landwirtschaft studiert, mit Master abgeschlossen und danach bei einem Landtechnikhersteller in Nordrhein-Westfalen als Produkt- und Pflanzenbautrainer gearbeitet. Dabei hatte er auch die Gelegenheit, Schulungen in Ost- und Mitteleuropa zu geben.
Doch Saathoff hatte immer vor, auch einmal den elterlichen Hof zu übernehmen und dann im Nebenerwerb zu führen, und dazu passte die viele Fahrerei langfristig nicht. Nachdem er von seinem Feldnachbarn und langjährigen Lehrer in Bad Segeberg, Sven Jansen, auf den Lehrerberuf angesprochen wurde, entschied er sich, diese Laufbahn einzuschlagen. „Das lässt sich gut vereinbaren“, sagt er. „Ich kann das unterrichten, womit ich groß geworden bin und wofür mein Herz schlägt. Und was ich nachmittags auf dem Betrieb gesehen habe, kann ich morgens mit den Schülern besprechen.“

Was war los auf dem Hof?

So macht er das auch regelmäßig: Zu Beginn der Stunde fragt er die Schüler erst mal, was auf ihren Betrieben tags zuvor los gewesen sei. Von den 28 Schülern seiner Klasse, darunter drei junge Frauen, stammen nur neun nicht von einem Hof, und auch die haben alle schon durch Ferienarbeit oder Praktika Erfahrungen in der Landwirtschaft gesammelt. In diesem ihrem ersten Lehrjahr haben sie fünf Betriebsbesichtigungen durchgeführt, eine davon selbstredend auf dem Hof Saathoff.

Der starke Praxisbezug kommt bei den Schülern gut an. Es kommen Äußerungen wie diese: „Das kann ich mir viel besser merken, vor den Arbeiten muss ich gar nicht so viel lernen.“ – „Es ist gut, wenn der Lehrer nicht drei Mal in der Stunde die Tafel vollschreibt, sondern von seinem Betrieb erzählt und Bilder dazu mitbringt.“ – „Meine Bereitschaft zum Lernen ist größer, es macht mehr Spaß.“ – „Ich hätte nicht gedacht, was man alles machen kann.“ – „Manches soll in der Theorie so und so sein, aber in der Praxis sieht es anders aus.“
Apropos: Wie sieht es denn mit Saathoffs Bodenartenversuch aus? Sand speichert bekanntlich wenig Wasser, Ton viel. Zu erwarten wäre, dass das Wasser bei Sand durchrinnt und bei Ton nicht. Doch das Gegenteil ist der Fall. „Ja, das ist der Unterschied zwischen Theorie und Praxis, ich mache diesen Versuch zum ersten Mal“, gibt Saathoff heiter zu. „Ist es    also schiefgegangen?“, fragt er die Schüler. „Nein“, ist die Antwort, denn sie lernen sogar noch etwas Weiteres daraus: Da es vier Wochen nicht geregnet hat, ist der Tonboden knochentrocken und hat große Risse, durch die das Wasser schnell abläuft. Damit der Ton Wasser speichern kann, muss er erst quellen. Fazit: „Ein kurzer Regen wie gestern Morgen hilft den Pflanzen nicht viel.“

In die Schüler reinversetzen

Ariane Hildebrandt ist Referendarin in der Berufsschule Mölln. Auch sie ist eine „Frau der Praxis“, ist auf einem Hof bei Scharbeutz im Kreis Ostholstein aufgewachsen. Auch sie will später den Familienbetrieb weiterführen, den noch ihr Vater leitet,  und hat sich auf Schweinehaltung spezialisiert. Nach dem Abitur leistete sie ein Praktikumsjahr in einem Schweinebetrieb ab. „Ich habe gerne mit Menschen zu tun, die Schule ist dabei für mich der richtige Ort“, sagt die 28-Jährige. „Besonders im Schweinebereich kann ich meine Erfahrungen mitbringen und mit den Schülern diskutieren, und von zu Hause bin ich immer aktuell informiert, zum Bespiel über das Antibiotikamonitoring.“

Heute sind allerdings nicht Schweine, sondern Rinder angesagt. Ariane Hildebrandt ist mit ihren Schülern auf dem Hof von Hans-Peter Grell in Duvensee. Das Thema: Rinderbewertung, Bestandteil der Prüfung, die demnächst ansteht. Fachmann Günter Koch von der Rinderzucht Schleswig-Holstein (RSH) zeigt, wie es geht. Die Schüler üben sich anschließend darin, selbst die Bögen auszufüllen. Grell hat seinen Betrieb gerne für die Exkursion zur Verfügung gestellt. Sein Auszubildender ist im dritten Lehrjahr und  heute mal mit seiner ganzen Klasse hier. „Durch mein Praxisjahr kann ich mich gut in die Schüler reinversetzen“, meint Ariane Hildebrandt. „Ich weiß, wie es ist, wenn man in einer zunächst fremden Familie mitlebt.“

Praxis bringt man mit

Dass Gesche Kern mit den lebhaften Jungs des ersten Lehrjahres gut klarkommt, merkt man gleich. Dass sie angesichts der noch laufenden Weltmeisterschaft Fußballlieder schmettern, dafür hat sie Verständnis, aber die Analyse der Silagezusammensetzung auf dem Hof von Karsten Stöven in Tensbüttel bei Albersdorf muss  eben auch noch sein, da hilft alles nichts. Es ist schon der zweite Betrieb, den die Schüler heute sehen – unterschiedliche Betriebe, die die Herausforderungen unterschiedlich lösen. „Es geht nicht darum, Lernstoff eins zu eins zu übernehmen. Jeder macht das anders, um seinen Betrieb zu optimieren.“

Sieben bis acht Außentermine haben die Schüler bei ihr in einem Jahr. Die Koordination und Planung geschieht zusammen mit dem Lehrerteam am BBZ Dithmarschen in Meldorf. Zu akademisch dürfe das Programm aber auch nicht sein. „Wir müssen auch aufpassen, dass manche nicht hintenüberfallen. Manches ist für sie zu abstrakt und schwierig. Zu 90 % werden sie später nicht studieren, sie müssen praxisorientiert unterrichtet werden.“ In Meldorf haben sie dazu ein eigenes Versuchsfeld, auf dem sie Getreide anbauen. Daran arbeiten sie  das ganze Jahr von der Aussaat bis zur Ernte. Auch ein Schwein gibt es da – vom Ferkel bis zur Schlachtreife und dem anschließenden Braten.

Gesche Kern ist auf einem Nebenerwerbsbetrieb in Norddeich bei Wesselburen groß geworden und hat ihn 2011 übernommen: Mutterkuhhaltung mit 10 ha Grünland. Sie führt ihn zusammen mit ihrem Lebenspartner, der Vater unterstützt. Eine landwirtschaftliche Ausbildung hat sie nicht, „nur“ Agrarwissenschaften studiert mit Fachrichtung, anschließend promoviert. Mit den Schülern geht sie gerne Fallbeispiele durch, zeigt Bilder, etwa von schlechtem Feldaufgang, an solchen Beispielen müssen sie Lösungen erarbeiten. „Wenn man selber einen Betrieb führt, bringt man noch mal eine besondere Verantwortung mit“, sagt sie. Da kommen die Schüler auch mit ihren Erlebnissen und Fragen: „Bei uns war ein Berater für Cross-Compliance, was hat der eigentlich gemacht?“ Um die  Praxisausrichtung der Lehreranwärter macht sich Kern keine Sorgen. „Jeder von uns hat ja einen Hintergrund“, sagt sie. Im Seminar gehe es hauptsächlich um die Pädagogik, „was ich auch richtig finde, weil wir das vorher nicht gelernt haben“. 

Tonio Keller

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