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Nanette Mende zaubert Ihre Überraschung aus dem Färbekessel.

Zu Pferd vier Wochen durch Kirgistan. So fing sie an, Nanette Mendes Begeisterung für das Filzen. In dem zentralasiatischen Land werden Satteldecken, Teppiche, Hüte, Sitzkissen und sogar ganze Jurten aus Wolle gefilzt. Seit dieser Reise vor 14 Jahren filzt Mende und lernte schließlich, ihre Wolle auch selbst zu färben. Vor neun Jahren hat die studierte Historikerin das Hobby zu ihrem Beruf gemacht. 

„Filz & Strick“ heißt ihr kleiner Laden auf Nordstrand, wo die 43-Jährige auch Kurse gibt. „Ich habe ja immer mit Wolle zu tun, da wollte ich irgendwann auch selbst färben“, sagt sie. So lernte sie das Färben mit Pflanzen bei Karin Tegeler im Harz, aus Büchern und aus eigenen Experimenten. Rund zehn verschiedene pflanzlich erzeugte Farbtöne hat sie im Sortiment. „Beim Färben mit Pflanzen ist das Beste: einfach ausprobieren. Mehr, als dass ein Farbton rauskommt, der einem nicht gefällt, kann nicht passieren“, sagt sie und lacht. Im vergangenen Jahr hat sie Brennnesseln verwendet, in diesem Frühjahr waren es Rhabarberblätter und Weidenzweige. „Was hier in Nordeuropa wächst, ergibt meist Gelb- und Grüntöne“, sagt sie. So war es auch bei ihren jüngsten Experimenten. „Alles, was man für leuchtendes Rot und Blau braucht, muss in getrocknetem Zustand von weit her geholt werden.“

Wie die Wurzeln des tibetischen Krapp (Rubia tinctoria), die Nanette Mende heute in einem der drei großen Einmachtöpfe aufgesetzt hat. In den anderen beiden Töpfen blubbern Weidenzweige und Stockrosenblüten leise vor sich hin. In der Färberküche riecht es ein bisschen nach Früchtetee, ein bisschen nach gekochtem Gemüse und nach warmem, nassem Schaf. Mende lupft einen Deckel und rührt die dampfenden, schon weich gekochten Weidenschnitzel um. „Das Färbeergebnis ist nie gleich, ich bin gespannt, wie es heute wird.“ Der Vorgang ist im Prinzip immer gleich, erklärt Nanette Mende: Zunächst muss die Wolle gebeizt werden, damit die Fasern die Farbe gut annehmen. Dafür kämen ziemlich aggressive und giftige Mittel infrage, wie Kupfer-, Zinn- oder Chrombeizen. Bei Nanette Mende geht es dagegen ganz umweltfreundlich zu. Sie verwendet eine Kaltbeize auf Basis von essigsaurer Tonerde. „Der Vorteil ist auch, dass die Wolle darin nicht gekocht werden muss, das spart Energie und schont die Wollfasern. “Während die gebeizte Wolle auf der Leine trocknet, werden die Pflanzenteile für die Farbe ausgekocht.

Nach dem sorgfältigen Abseihen wird die Wolle mit dem Sud zusammen noch einmal erhitzt. Danach muss sie langsam abkühlen, denn plötzliche Temperaturänderungen lassen die Fasern verfilzen. Dann noch ausspülen, wieder auf die Leine – fertig. Das klingt einfach, dauert aber viele Stunden. „Ja, es sind lange Arbeitstage“, sagt die Wollexpertin, „aber dafür macht es Spaß.“ Als sie nach zweieinhalb Stunden Weidensud- und Wollekochen die Wollstränge wie extra lange Spaghetti in den Durchschlag gleiten lässt, wird ihre Geduld mal wieder belohnt: „Oh! Das wird ja heute viel gelber. Das ist ja klasse!“, staunt sie und holt zum Vergleich das Wollknäuel, das sie vor vier Wochen mit Weidenzweigen aus dem Garten gefärbt hat. Ihre grünen Augen leuchten hinter den kleinen, ovalen Brillengläsern. Wieder eine bunte Überraschung.

Tipps von der Expertin 

Diese Färbemethode funktioniert nur bei tierischen Fasern wie Wolle und Seide.

Faustregel: Alles, was Haare färbt, färbt auch Wolle (zum Beispiel Henna oder Walnussschalen).

  • Rotkohl und Holundersaft geben tolle Farben, die aber schnell verblassen – sie sind nicht lichtecht und eignen sich daher weniger zum Färben. Bei den meisten Farben kann der Sud mehrmals verwendet werden, der Farbton wird von Zug zu Zug heller (funktioniert bei Weide nicht).
  • Ist noch genug Farbe im Sud für einen weiteren Zug? Einfach in einem durchsichtigen Gefäß gegen das Licht halten.
  • Bei emaillierten Töpfen darauf achten, dass die Emailleschicht intakt ist. Rost verändert das Färbeergebnis.
  • Um das Färbeergebnis mit Rost gezielt zu verändern, einfach rostige Nägel in Essig einlegen und die Brühe am Schluss dem Färbesud zufügen.
  • Für Filzerinnen: Es ist einfacher, vorher gefilzte Stücke zu färben, als ungesponnene Filzwolle zu färben.
  • Feinere Pflanzenteile beim Abseihen durch ein feineres Sieb gießen, bei Pulvern (zum Beispiel Kurkuma, Henna) mit einem Tuch auslegen. Sonst bleiben Krümel in der Wolle hängen.
  • Die frisch gefärbte Wolle darf gerne draußen trocknen, sie sollte aber nicht dem direkten Sonnenlicht ausgesetzt sein.
  • Bei getrockneten Pflanzen ist das Verhältnis zur Wolle 1:1 (zum Beispiel 500 g getrocknete Stockrosenblüten auf 500 g Strangwolle), bei frischen Pflanzenteilen mindestens 2:1. 
     

Ilka Thomsen

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