Zur Navigation springen Zum Inhalt springen

Wenn Schulstandorte schließen, kommt in ländlichen Gebieten immer mehr der Schulbus zum Einsatz. Foto: Tonio Keller

Zwei Grundschulen in Schleswig-Holstein wurden zu Beginn dieses Schuljahres geschlossen: in Morsum auf Sylt und Petersdorf auf Fehmarn. Eigentlich hätten es drei sein sollen, aber in Schafstedt in Dithmarschen haben Eltern erfolgreich Widerspruch eingelegt, sodass am ersten Schultag die Türen wieder geöffnet wurden. Doch die Zukunft der Dorfschulen ist dort wie vielerorts weiter unsicher. Befürworter der Schließungen führen pädagogische und finanzielle Gründe ins Feld, Gegner die Belastung für Schüler und Eltern und die Qualität der Infrastruktur auf dem Lande.

Die Grundschule in Morsum hätte dieses Schuljahr nur noch um die 20 Schüler aufgewiesen. „Eigentlich war die Schließung schon vergangenes Jahr vorgesehen, es gab eine Übergangslösung, aber jetzt ist der Betrieb nicht mehr möglich“, sagt Frauke Wehrhahn, Leiterin des Bereichs Schule, Jugend und Kultur in der Gemeinde Sylt, und betont: „Je kleiner eine Schule ist, desto schwieriger ist es, einen pädagogisch und fachlich guten Unterricht vorzuhalten. Eine Schließung ist dann immer mit einer Dramatik für die Betroffenen verbunden, aber wir haben eine gute Lösung hinbekommen“, findet sie.

Inseln stellen sich auf die Situation ein

Auf der Insel Sylt sind jetzt noch drei Grundschulen an vier Standorten in Betrieb: die Boy-Lornsen-Schule in Tinnum, die Norddörferschule in Wenningstedt und die Schule St. Nicolai in Westerland mit der Außenstelle Am Nordkamp. Im Süden der Insel gibt es gar keine Schule mehr. Die Morsumer Schüler fahren nun alle die 11 km zur Grundschule am Nordkamp in Westerland. „Wir haben eine gesicherte Beförderung eingerichtet. Die Lehrer haben mitgewechselt, so bleibt die persönliche Verbundenheit. Kinder und Eltern stellen sich nun darauf ein. Nach der traurigen Phase können wir jetzt nach vorne schauen“, so Wehrhahn. In Petersdorf auf Fehmarn wären dieses Schuljahr noch 38 Schüler in die Grundschule gegangen. Für den Großteil der Schüler haben die Eltern entschieden, sie nach Landkirchen zu schicken (7 km von Petersdorf entfernt), der Rest fährt nach Burg (12 km). Auch hier ist eine Beförderung organisiert.

Vorläufiger Ausweg Außenstelle
Alle genannten Schulstandorte waren zu diesem Zeitpunkt bereits Außenstellen anderer sogenannter Mutterschulen: Petersdorf war Außenstelle der Grundschule in Burg, Morsum der Grundschule St. Nicolai in Westerland, Schafstedt der Wulf-Isebrand-Schule in Albersdorf. Für eigenständige Schulen gilt per Gesetz eine Mindestgröße von 80 Schülern. Bei Unterschreiten dieser Zahl schließen sich solche Schulen in der Regel zunächst einer anderen, größeren Schule als Außenstelle an. „Es ist gut, dass man über so ein Instrument Schulstandorte erhalten kann“, sagt Frauke Wehrhahn.
Bei solchen Außenstellen ist keine bindende Größe vorgegeben, doch werden laut Bildungsministerium 40 bis 45 Schüler als „pädagogische Größe“ gehandelt, unterhalb derer mit vertretbarem Aufwand nicht mehr in ausreichender Qualität unterrichtet werden könne. „Den Standort zu erhalten, wenn es geht, ist oberstes Prinzip“, erklärt Thomas Schunck, Pressesprecher des Bildungsministeriums in Kiel. „Aber es findet ein Ende, wenn der Erhalt zulasten des Unterrichts oder der Qualität führt – auch an der Mutterschule.“ Dabei werde jeweils die konkrete Situation vor Ort betrachtet. So spielten auch die Entfernung zur Mutterschule und der Aufwand des Lehrertransfers eine Rolle, sagt der Ministeriumssprecher.
So positiv sieht Sandra Neukamm, die Vorsitzende des Netzwerks der Dorfschulen (siehe unten), die Lösung mit den Außenstellen nicht. „Die Mutterschule bekommt eine Außenstelle ans Bein gebunden, was Mehrarbeit bedeutet, die keiner dankt. Das führt dazu, dass die Außenstellen ungeliebte Kinder sind“, sagt sie und führt weiter aus: „Dieses Prinzip verfälscht auch die Statistik. Wenn eine Schule unter 80 Schüler fällt, wird sie in eine Außenstelle umgewandelt. Somit wird sie ja nicht geschlossen. Irgendwann schließt auch diese Außenstelle – aber wieder wird keine Schule geschlossen, da sie ja nicht mehr eigenständig war. Und trotzdem ist es eine weniger.“
Eine weitere Hürde besteht darin, dass die Zuteilung von Lehrkräften seitens des Ministeriums nicht nach Klassen geschieht, sondern nach Schülern, was kleine Schulen mit notwendigerweise kleinen Klassen rein rechnerisch benachteiligt. In Schafstedt wurde dem schon seit Jahren durch einen jahresübergreifenden Unterricht begegnet. Außerdem wurde eine pädagogische Assistenzkraft eingestellt, die zwar keinen Unterricht gibt, aber Betreuung bei Leerzeiten oder nach Unterrichtsschluss übernimmt und damit Lehrkräfte entlastet.

Schafstedter kämpfen vor Gericht
Schafstedter Eltern kämpfen schon seit Langem für den Erhalt der Schule am Ort. Sie hatten ein Konzept eingereicht, wie Engpässe vermieden werden könnten, und dieses Konzept auf Verlangen des Ministeriums nachgebessert. Dennoch sah die Schulleitung bei den zuletzt 42 Schülern keine Möglichkeit, den Unterricht am Ort sinnvoll fortzusetzen, und verfügte die Schließung der Außenstelle, was das Bildungsministerium genehmigte. Die Kinder hätten demnach ins 7 km entfernte Albersdorf fahren müssen.
In diesem Fall fügten sich die Eltern jedoch nicht in das Schicksal. Sie beschlossen weiterzukämpfen und legten Widerspruch ein – mit Erfolg, zumindest vorerst: Nur eine halbe Woche vor Beginn des neuen Schuljahres kippte das Verwaltungsgericht Schleswig den Beschluss. Die Schultüren in Schafstedt mussten am darauffolgenden Montag wieder geöffnet werden. „Wir akzeptieren dies und werden den Unterrichtsbetrieb für das Schuljahr 2014/15 sicherstellen“, schrieb Bildungsstaatssekretär Dirk Loßack in einer Presseerklärung, und weiter: „Grundsätzlich steht aber die Zukunft der Außenstelle Schafstedt weiter auf dem Prüfstand.“ Das Gericht habe seine Entscheidung lediglich auf formale Gesichtspunkte gestützt und damit keine Entscheidung in der Sache getroffen.
„Lediglich Formfehler“ waren also der Grund für das Schleswiger Urteil, und zwar seien maßgebliche Gremien wie der Schulträger, in diesem Fall der Schulverband Albersdorf, und die Schulkonferenz nicht ausreichend in die Entscheidung eingebunden gewesen. Über die Sachlage an sich ist damit nichts gesagt, und so steht die Schule in Schafstedt weiter auf wackligen Beinen. Und: Ausreichend gehört werden hätten diese Gremien zwar müssen, aber im Entscheidungsfall hätten sie dennoch kein Vetorecht. In solch komplizierten Sachlagen, bei denen offensichtlich sogar Fachleute einander widersprechen, noch durchzublicken und geeignete Schritte zu finden, ist für alle Beteiligten äußerst schwierig.

Wichtig für Familien, Gemeinde und Umwelt
Warum aber kleine Dorfschulen erhalten, wenn dies organisatorisch, pädagogisch und finanziell so schwierig zu leisten ist? „Er ist wichtig für die Familien, die Gemeinde und die Umwelt“, sagt Sandra Neukamm. „Für Grundschüler ist das Busfahren eine Belastung, nicht selten werden sie dabei von Älteren drangsaliert. Sie sind im Schnitt eineinhalb Stunden pro Schultag im Bus unterwegs, haben dadurch weniger Zeit zum Spielen. Sie finden Freunde an anderen Orten, mit denen sie auch außerhalb der Schulzeit zusammen sein wollen. Das alles ist auch für die Eltern eine Belastung – zeitlich und finanziell. Und der ökologische Aspekt: Insgesamt entstehen mehr Fahrereien mit den Bussen oder Fahrzeugen der Eltern“, fasst die Netzwerkfrau zusammen.
Dass der Kampf für den Erhalt von Dorfschulen nicht nur von emotionalen Gründen geleitet wird, betont Harald Mahn, Bürgermeister der 1.300-Seelen-Gemeinde Schafstedt: „Wir versuchen, auf allen Ebenen die Infrastruktur zu erhalten und zu verbessern, um den Ort attraktiv zu halten. Dazu nehmen wir an Projekten der Landesentwicklung teil, erschließen Gewerbegebiete, unser Baugebiet wächst, die Praxis des Allgemeinarztes soll durch seine Söhne weitergeführt werden. Wenn dann aber keine Schule vor Ort ist, überlegen sich junge Familien dennoch, ob sie hierherziehen sollen. Und die Kinder fehlen auch als Nachwuchs in Sportvereinen und Verbänden.“

Mindestens 20 Standorte weiterhin bedroht
Ursache des Gesamtproblems sind natürlich die aufgrund des demografischen Wandels sinkenden Schülerzahlen, und dieser Trend ist – zumindest in der gesamten Entwicklung – kaum aufzuhalten. „In einem Flächenland wie Schleswig-Holstein muss man davon ausgehen, dass weitere Schulen schließen werden“, räumt Ministeriumssprecher Thomas Schunck ein. Sandra Neukamm geht sogar davon aus, dass in den nächsten Jahren 20 Standorte bedroht sind oder zumindest auf dem Prüfstand stehen. Neukamm: „Viele zittern über Jahre und Jahre. Das möchten manche Eltern ihren Kindern nicht antun und schicken sie erst gar nicht dorthin, und das bewirkt weiteren Schwund.“

Netzwerk der Dorfschulen
Das „Netzwerk der Dorfschulen Schleswig-Holsteins“ wurde vor eineinhalb Jahren gegründet. Es hat sich zur Aufgabe gemacht, Betroffene an bedrohten Schulstandorten zu beraten und langfristige Perspektiven zu entwickeln. Derzeit hat das Netzwerk rund 100 Mitglieder, darunter nicht nur Eltern, sondern auch Lehrer, Gemeinden und Vereine. Informationen gibt es bei Sandra Neukamm, Tel.: 0 48 25-9 03 27 22.

Tonio Keller

nach oben