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Man schließe die Augen: Blauer Himmel, ein laues Lüftchen  und eine Wiese  voller farbenfroher Sommerblumen, die Blüten tanzen im Wind – diese wunderbaren Eindrücke finden sich in jedem einzelnen Detail der Schmuckkreationen von Sylvia Geißler, der Perlengärtnerin, wieder.

In einer Hamburger Altbauwohnung entsteht ein Unikat nach dem anderen. Auf dem Weg in die zweite Etage über eine alte Treppe begegnet einem Architektur aus dem vorigen Jahrhundert: die alten verzierten Fenster oder der Stuck an der Decke. Oben angekommen, öffnet sich die Tür, und ein sympathisches Lächeln strahlt einem entgegen. Offen, hoch, bunt und hell sind die Räume beim Betreten der Wohnung. Dass es unten auf den Straßen laut und hektisch zugeht, ist  nicht zu spüren. Sylvia Geißler lebt und arbeitet hier seit knapp zehn Jahren. Die Wohnung ist Schmuckwerkstatt, Kreativschmiede und ihr Zuhause zugleich.
Mit bunten Farbkombinationen und der Natur fühlte sich die gebürtige Münchnerin von Kindesbeinen an verbunden. Nach dem Abitur studierte die 1964 geborene Künstlerin an der Fachhochschule Augsburg  Grafikdesign. Mit dem Diplom in der Tasche zog Sylvia Geißler nach Frankfurt. Sie arbeitete als Artdirectorin in Werbeagenturen – immer auf kreativen Pfaden unterwegs. „Das machte mir unglaublich viel Spaß. Aber ich hatte schon  immer den festen Wunsch in mir, mich selbstständig zu machen.“
Gesagt, getan: „Und so wurde ich freie Illustratorin“, fügt sie lachend hinzu. In den Tälern der Auftragslage in ihrem eigentlichen Job hat die Münchnerin angefangen, gekaufte Perlen aufzufädeln. „Die Ketten kamen im Bekannten- und Freundeskreis so gut an, dass ich meine ersten kleinen Werke schließlich angefangen habe zu verkaufen. Das war 2001.“ Das Kaufangebot der Perlen wurde Sylvia Geißler schnell zu eng. „Ich wollte Frische und mehr Farben haben. Auf der Suche danach wurde ich auf ganz andere Spuren geführt.“ Sie begann, sich für Lampworkperlen zu begeistern. Und so bekam der Werdegang der Designerin plötzlich eine neue Richtung: Sylvia Geißler beschloss, Glasperlen selbst herzustellen.

Für dieses alte Handwerk benötigte sie als Arbeitsgrundlage einen Glasbrenner. Bei e-Bay machte sie ein Gerät ausfindig und gab ein Gebot ab. Jedoch: „In der heißen Phase konnte ich nicht mehr mitbieten, weil mein Computer von einem Virus befallen war. Angebot verpasst – leider.“ Unbekümmert in ihrem Enthusiasmus für Perlen machte sie weiter und entwarf eine Reihe von unterschiedlichen Mustern. In einer ihrer Materialkisten fiel ihr eine zerbröselte Packung Fimo, eine knetartige Masse, in die Hände. Sie knetete, formte, mischte Farben daraus  und probierte  Entwürfe. Von antiken Millefiori-Perlen fasziniert, lehnte sie ihre Muster an die tradierte Glastechnik an und übertrug sie auf den Werkstoff Polymer-Clay, eine synthetische Keramik.   
Wer hat das Handwerk erfunden? Millefiori-Perlen sind seit der Antike bekannt. Sie wurden als Grabbeigaben unter anderem in Süddeutschland an Rhein und Donau gefunden. Die Historiker sind sich nicht einig, welche Glashütte sie entwickelt hat und von welcher Seite sie über die Alpen getragen wurden. Dabei sind sogar Ägypten und Syrien im Rennen (Quelle: 2001 Volkmann Theune Millefioriperlen, Claudia Theune – Academia.edu). Weltweit bekannt wurden die Millefiori als venezianische Perle, ein kostbares Zahlungsmittel im Handel mit dem Orient: Blumige Glasperlen für Seide und Gewürze!
 
Blumige Mosaikmuster„Nach dem Brennvorgang hat es die Eigenschaften von Kunststoff. Ich bearbeite die Perlen manuell noch weiter. Sie werden geschliffen und poliert.“ Die Schmuckkünstlerin kommt ins Schwärmen: „Ich habe keine Einschränkungen, was Form und Farbe anbetrifft. Das Material ist äußerst flexibel. Es ist gut zu verarbeiten und leicht an Gewicht. Somit hervorragend für Ohrringe geeignet, Ketten und Armbänder sowieso.“ Das Wesentliche bei dieser Technik sei, dass in die Tiefe gearbeitet wird. Zunächst knetet Sylvia Geißler das Material, bis es geschmeidig ist. Dann rollt sie es zu gleichmäßig runden Wülsten und ummantelt diese mit weiteren farbigen Schichten. „Ein Blumenmotiv wächst von der Mitte nach außen“, erklärt sie. Ist eine Blumenstange – Cane genannt– fertig, werden kleine Mosaikscheiben davon zu einer Perle zusammengefügt. Keine Blumen-Cane gleicht der anderen. Manche haben runde, andere strahlenförmige Blüten. Und jede führt Sylvia Geißler zu einem verzückten Staunen: „Das ist meine Kreativität und Vielfalt.“ Das fertige Werkstück wird dann wie Ton im Ofen gebrannt.   
„Vor fünf Jahren habe ich mich  doch noch an das Material Glas gewagt, weil es mehr Transparenz und Tiefe gibt“, begründet sie den Schritt. Sie schaffte sich die Glasbläserlampe an. Rohglasstäbe in verschiedenen Farben liegen in ihrer Schublade. „Jede Farbhütte hat ihre eigenen Farben. Ihre Gläser haben spezielle Eigenschaften wie Ausdehnungskoeffizient und Reaktionsverhalten. Durch Probieren und Kurse habe ich gelernt, wie sich Farben verbinden und was daraus entstehen kann“, schildert die Designerin. So entstehen Pink- und Rottöne oder andere einmalige Effekte.

Einzigartige ArbeitOft probiert Sylvia Geißler tagelang an einem Schmuckstück. Die Glasperlen wirken fragil und durchschimmernd. Die Perlenkünstlerin zeigt in Kisten und Schubladen die sorgfältig aneinandergereihten Perlen, nach Farben und Material sortiert. Dazwischen die handgefertigten Schmuckunikate  Ketten, Armbänder, Anhänger oder Ringe. Das Auge wandert hin und her. Die bunten  Farben erwärmen das Herz. Hauchdünne Konturen umschreiben die Formen von duftigen Blütenblättern. „Ich bin dankbar, dass es den Leuten gefällt und dass ich davon leben kann.“
Die Technik der Künstlerin ist im Grunde die gleiche, die Perlenmacher seit Jahrtausenden anwenden: Glas wird auf bis zu 1.000°C erhitzt. Die zähflüssige Masse wird um einen Metallstab, den sogenannten Dorn, gewickelt. Bei der manuellen Herstellung der Perlen sind die Gestaltungsmöglichkeiten ungleich größer. Es lassen sich wunderbare Details herausarbeiten. Sylvia Geißler entwirft komplizierte Muster, die nur in aufwendiger Handarbeit gefertigt werden können: „Es gibt keine Maschine, die meine Hand ersetzt.“
Glas muss sehr langsam abkühlen. Um Temperaturspannungen auszuleiten, steckt sie die Figur oder Perle, je nach Größe, in einen Topf mit Vermiculit oder den Temperofen. „Eine Geduldsprobe für mich: Das Ergebnis sehe ich erst am nächsten Tag.“
Perlen aus Polymer-Clay kombiniert mit einer Henne aus Glas, dazu ein passend genähtes Halsband, ist nur eine von Geißlers kreativen Kombinationen. Ein großes Handicap hat Sylvia Geißler: „Der Tag hat leider nur 24 Stunden. Wenn meine Hände arbeiten, dann ist der Kopf schon 3 km weiter.“ Die Künstlerin ist im Jahr auf bis zu 25 Kunsthandwerkermärkten in Norddeutschland. Von Mai bis Ende September steht sie jeden Dienstag von 9 -14 Uhr auf dem Isemarkt. Auch  zum Hamburger Hafengeburtstag am 10. und 11. Mai im Der.Die.Sein Markt im Unileverhaus Hafencity. Auch auf schleswig-holsteinischen Kunsthandwerkermärkten bietet sie ihre Schmuckstücke an: Am 19. und 20. Juli ist Sylvia Geißler auf dem Kunsthandwerkermarkt im Kurpark in Glücksburg, am 21. September im Café Langes Mühle in Ueteresen, am 27. und 28. September auf dem Kunsthandwerkermarkt in Norderstedt und schließlich im Heiligen-Geist-Hospital in Lübeck vom  3. bis 8. Dezember. 

Kirsten Müller

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